Otfried Höffe fordert Ende des Begriffs soziale Gerechtigkeit
heute 09:00 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Der Philosoph Otfried Höffe stellt zentrale sozialpolitische Leitbilder infrage. Er fordert mehr Eigenbeitrag bei der Grundsicherung, höhere Belastungen im Alter und einen Verzicht auf eine pauschale Bevorzugung von Frauen.
via dts Nachrichtenagentur
Der deutsche Philosoph Otfried Höffe fordert, den Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ aus der politischen Debatte zu streichen. In einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ bezeichnete er die damit verbundene Vorstellung als „gefährlich“ für das Land.Höffe kritisiert GrundsicherungDer Begriff sei durch christliche Werte wie „Wohltätigkeit und Menschenliebe“ aufgeladen worden und erweitere den klassischen Gerechtigkeitsbegriff „über das Geschuldete hinaus“, sagte Höffe. Er plädierte dafür, auf den Ausdruck künftig lieber zu verzichten.Die Grundsicherung, das frühere Bürgergeld, bewertet Höffe als „Gerechtigkeitsverstoß“. Bezieher müssten seiner Ansicht nach durch verpflichtende Gemeinschaftsarbeit einen eigenen Beitrag zur Finanzierung des Systems leisten.Streit über Steuern und RentenHöffe wandte sich außerdem gegen die Forderung, dass starke Schultern mehr tragen sollten.
Menschen mit hohen Einkommen würden bereits durch die progressive Besteuerung stärker belastet.
Eine zusätzliche Belastung könne dazu führen, dass Wohlhabende ins Ausland abwanderten und dort Steuern zahlten.In der Rentendebatte forderte der Philosoph eine deutliche Schlechterstellung älterer Menschen.
Wer kürzer arbeite und länger Rente beziehe, müsse später in den Ruhestand gehen und sich bei der Rentenhöhe an dem orientieren, was Kinder und Enkel künftig erhalten könnten.Kritik an FrauenförderungDie Verschiebung einer „Rente mit 70“ auf das Jahr 2090 bezeichnete Höffe als unverständlich. Die dadurch entstehenden Lasten für Jüngere seien „unanständig und ungerecht“; den Regierungen fehle der Mut, dies offen auszusprechen.Auch Förderprogramme für Frauen sieht Höffe kritisch. Sie könnten insbesondere an Hochschulen Männer benachteiligen.
Bei Berufungen müsse das „Recht auf die beste Person“ gewahrt bleiben, sagte er. Eine Festlegung auf eine Frau bei der Bundespräsidentenwahl bewertete Höffe ebenfalls als Benachteiligung der Gesellschaft.
Otfried Höffes Kritik fällt in eine Phase, in der die Verteilung der Lasten des Sozialstaats politisch neu verhandelt wird. Im Zentrum stehen dabei weniger einzelne Begriffe als die Frage, nach welchen Kriterien Ansprüche, Beiträge und Pflichten verteilt werden sollen.
Höffe stellt Gleichbehandlung und individuelle Beitragsleistung in den Vordergrund und leitet daraus Forderungen nach stärkerer Eigenverantwortung ab.Besonders zugespitzt ist die Debatte bei der gesetzlichen Rente. Die Alterssicherungskommission hat 2026 Vorschläge für eine langfristig stabilere Finanzierung vorgelegt. Dazu gehören eine stärkere Berücksichtigung der Lebenserwartung, Änderungen bei der abschlagsfreien Frühverrentung und eine zusätzliche kapitalgedeckte Komponente. Damit berührt die Diskussion genau den Generationenkonflikt, den Höffe anspricht: Höhere Belastungen für Erwerbstätige können die Finanzierung sichern, verschärfen aber zugleich die Verteilungsfrage zwischen Beitragszahlern und Rentnern.Sozialstaat zwischen Akzeptanz und ReformdruckAuch in der Bevölkerung gibt es keinen eindeutigen Konsens über den Reformweg. Eine aktuelle Befragung zeigt Zustimmung sowohl zu höheren Beiträgen als auch zu Leistungskürzungen; zugleich befürwortet eine Mehrheit eine stärkere Staffelung nach finanzieller Leistungsfähigkeit. Höffes Position markiert damit eine klar individualisierte Lesart von Gerechtigkeit, während andere Konzepte stärker Bedürftigkeit, Lebensleistung oder Umverteilung gewichten.Für die politische Debatte bedeutet das: Der Streit betrifft nicht nur die Höhe staatlicher Leistungen, sondern die Definition dessen, was als geschuldet gilt. Bei Grundsicherung, Rente und Förderprogrammen für Frauen müssen Gesetzgeber zudem Gleichbehandlung, soziale Absicherung und bestehende strukturelle Nachteile miteinander abwägen.